Es ist für den eine leichte Sache, eine Vereinsgeschichte zu schreiben, dem schriftliche Aufzeichnungen und sonstige Unterlagen zur Verfügung stehen. Im Falle unserer Eintracht ist dies leider nicht der Fall, denn alle unsere Aufzeichnungen gingen während der beiden Weltkriege verloren. Eine alte Festschrift, die aber leider nicht vollständig ist, und das Wissen der alten Presberger um das Vereinsgeschehen mußten mir bei der Rekonstruktion der nun aufgezeichneten Vereinsgeschichte helfen. Wir werden uns aber bemühen, diese Zeilen bis zum Jubiläumsjahr 1964 zu vervollständigen.
DIE GRÜNDUNG DES VEREINS
Anläßlich einer goldenen Hochzeit, hatten sich im Jahr 1889 auf Wunsch der weltlichen Behörde und des Ortspfarrers junge Presberger zusammengefunden, um dieselbe durch Gesang zu verschönern.
Da dieses erste Singen recht gut gelang, beschloß man auch weiterhin zu singen. So wurde ein Gesangverein, den man den Namen Eintracht gab ins Leben gerufen. In Eintracht wollte man durch das deutsche Lied anderen und sich selbst Freude bereiten. Als Motto wurde der Wahlspruch gewählt: Im Klang der Töne, erblüht das Schöne!
DAS WIRKEN DES VEREINS
Nach der gelungenen Vereinsgründung wurden von nun an regelmäßig Gesangstunden abgehalten.
Die alten Presberger berichten noch davon, daß dieselben in keinem Lokal, sondern in der Wohnung des Sangesbruders Anton Schimbach gehalten wurden. Unter seinem ersten Dirigenten Jakob Kissner, ein musikalischer Presberger Landwirt, machte der junge Verein seine ersten Schritte in der Welt des Liedes. Die Bemühungen des Dirigenten Kissner trugen bald Früchte und wenn es nun galt in Freud oder Leid Chorvorträge darzubieten, war der Gesangverein Eintracht zur Stelle. Als der erste Vorsitzende Peter Schuld, der von dem Bürgermeister Presbergs, dem ernannten Ehrenvorsitzenden Keiper sehr unterstützt wurde, den Vorschlag machte, für den Verein auch eine Vereinsfahne zu beschaffen, da halfen alle Presberger durch Spenden mit. Schon im Jahre 1890 war die Weihe der ersten Vereinsfahne.
In den nun folgenden Jahren zogen die „Waldgau-Presberger“ zu vielen Sängerfesten und Veranstaltungen. Durch ausgezeichnete Leistungen wurde in diesen Jahren unser Verein über die Grenzen des Rheingaus hinaus bekannt. Zeugnis hiervon geben noch heute die vielen Preise und Diplome, die im Vereinslokal aufbewahrt werden.
Nicht nur bei Feiern, Hochzeiten, Beerdigungen und Konzerten wirkte der Verein mit, sondern auch bei feierlichen Gottesdiensten. Hierbei unterstützte in ganz besonderem Maße der Mittelschullehrer Mass den Gesangverein. Er, der mit einer Presbergerin verheiratet war, beriet und übte mit dem Verein, wenn dieser zu einem kirchlichen Feste sang. Noch später, als Lehrer Mass nach Mönchengladbach versetzt worden war, stand er mit Presberg in Verbindung. Er, dessen Herz ganz besonders dem Wald und der Vogelwelt gehörte und dem man deshalb den Namen Vogel-Mass gegeben hatte, verbrachte seine Ferien in unserem Presberg. Heute weilt Lehrer Mass nicht mehr unter den Lebenden. So gedenke ich hiermit bei meiner Rückschau seiner noch einmal besonders uns rufe ihm über sein Grab hinaus einen besonderen Gruß zu.
So vergingen schöne und erfolgreiche Jahre bis 1914 der furchtbare Weltkrieg begann und viele Sänger nicht mehr zurückkehrten.
Bis zum Jahre 1937 leitete der verehrte Dirigent Kissner (48 Jahre lang) unseren Verein. Er, der heute auch nicht mehr unter uns weilt, war eine der markantesten Persönlichkeiten in unserem Vereins-geschehen. Ihm vor allen Dingen ist die Entwicklung des Vereins bis zum Jahre 1937 zu verdanken. Neben ihm dürfen wir noch zwei Männer nicht vergessen, die während der Ära Kissner und später dem Verein als Vorsitzende vorgestanden haben. Auch sie ruhen heute auf dem Friedhof unseres Heimatortes. Es sind dies August Perscheid (ein Mitbegründer) und der unvergessene Franz Korn.
Beide waren über 50 Jahre aktive Mitglieder des Vereins.
Die Vorsitzenden seit 1945, die wesentlichen Anteil an der Entwicklung unseres Vereins haben waren: Lorenz Kissner, Peter Schimbach, Jakob Horlaville (heute Ehrenpräsident), Alois Kissner (heute 2. Vorsitzender), sowie der junge heutige Vorsitzende Horst Sohns.
Länger als 70 Jahre pflegt der MGV Eintracht in unserem schönen Waldort Presberg den Chorgesang, länger als 70 Jahre haben sangesfreudige Menschen ihre Freizeit in den Dienst des deutschen Liedes gestellt, schon länger als 70 Jahre unterstützt die Presberger Bevölkerung durch den Besuch der Konzerte und Veranstaltungen und durch Spenden den Verein. Wie oft schon war in dieser Zeit der Verein in finanziellen Nöten, aus denen die Presberger ihm wieder durch ihre Spenden heraushalfen.
Der Kauf eines Klaviers nach dem Kriege war nur durch die Unterstützung und Spendefreudigkeit der Presberger möglich.
So war es dann auch, als im Jahre 1961 die Generalversammlung beschloß, für unsere im Laufe der Jahre brüchig gewordenen Vereinsfahne eine neue Fahne zu beschaffen, daß Presberger und auswärtige Gönner unserem Verein durch große Spenden diese Anschaffung möglich machten. Noch im gleichen Jahre konnte eine Mitgliederversammlung einberufen und nach Vorlage verschiedener Originale durch einen Vertreter der Bonner Fahnenfabrik, konnte bei dieser Firma die Fahne bestellt werden. Nach bewegter Debatte war man sich einig geworden und hatte hinsichtlich des Aussehens der Fahne die verschiedenen Vorschläge auf einen Nenner gebracht. Die Fahne ist in den Farben dunkelblau und zartgelb gehalten. Die blaue Seite trägt die Beschriftung: Freud und Leid zum Lied bereit. Beide Seiten sind mit Eichenlaub verziert. Diese Verzierung wurde der ursprünglich von der Fahnenfabrik vorgeschlagenen vorgezogen. Das Eichenblatt ist das Symbol des Waldes. Presberg ist ein Waldort, dem aber der Wald nicht nur als Landschaftsrahmen dient, sondern dem der Wald das tägliche Brot gibt. Wie viele Kurgäste kommen alljährlich nach Presberg vor allem wegen seines Waldes.
Nach Herrn Kissner übernahm im Jahre 1937 Peter Müller, ein junger Presberger Musiker, den Dirigentenstab. Der Verein blühte auf und eilte von Erfolg zu Erfolg. Dem setzte 1939 der schrecklichste aller Kriege ein jähes Ende. Wieder wurden unsere jungen Sänger einberufen und viele kehrten nicht wieder zurück und schlummern heute in fremder Erde. Allen Gefallenen und allen Verstorbenen wollen wir beim Feste unserer Fahnenweihe danken für alles was sie getan und besonders gedenken.
Nach 1945 ruhte, durch das Verbot der Alliierten bedingt, zunächst das Vereinsleben gänzlich. Nach Rückkehr der Sänger aus der Gefangenenschaft ergriff im Winter 1946/47 der damalige erste Vorsitzende Peter Schimbach die Initiative und rief die Presberger Sänger wieder zusammen. Die stattfindenden Gesangstunden durften nur mit Genehmigung der Besatzungsmächte abgehalten werden, wie die vorhandenen Unterlagen ausweisen. Peter Müller war wieder Dirigent bis zum Jahre 1949. Als Dirigent folgte ihm Her Kongehl aus Oestrich. Nach ihm wurde 1952 der junge Hans Schweikart aus Johannisberg, der heute im zehnten Jahr unseren Verein leitet, verpflichtet. Unter seiner Leitung, (er dirigiert neben uns noch den MGV Rheingold Johannisberg und den Katholischen Kirchenchor Johannisberg) entwickelte sich unser Verein zu einer stattlichen, geschulten Chorgemeinschaft, die in den vergangenen Jahren unter seiner Leitung mit dem größten Erfolg auftrat. Ich erinnere hier nur an unsere Konzerte und unser Mitwirken bei Freundschaftssingen. Hier sei unser Mitwirken in Zorn, in Winkel beim 100-jährigen Jubiläum (wir sangen bei stärkster Konkurrenz: Das Glöckchen von Zoll und den Kronenwirt von Gondlach. Welch ein Applaus setzte es nach unserem Vortag ein) neben unserem Mitwirken bei den Festen in Rüdesheim (Männerchor) besonders erwähnt. Mit großem Erfolg wirkte der Verein bei den Freundschaftssingen in Hallgarten (Liedertafel) in Johannisberg bei Eintracht und Cäcilia, in Reuterhain, Welterod, Lipporn und bei unserem Bruderverein in Stephanshausen mit. Ich erinnere auch noch gern an das ausgezeichnete Abschneiden beim Singen mit dem MGV Lierschied und vor allem mit dem MGV Mannheim.
Mit Stolz und Freude erwartet nun Presberg den 23.u. 24. Juni, die Tage, an denen sich die Sänger des MGV Eintracht zum erstenmale um ihre neue Vereinsfahne scharen können. Wenn aus Anlaß der Fahnenweihe die uns befreundeten Vereine in Presberg zum Freundschaftssingen einziehen, so ist unser besonderer Wunsch, daß sie in unserem gastfreundlichen Presberg schöne Stunden verleben und gerne wiederkommen wollen.
So wünsche ich nun dem Verein, daß das Fest der Fahnenweihe für den Verein ein Erfolg wird und rufe ihm schon heute ein Glück auf zum 75. Vereinsjubiläum im Jahre 1964 zu.
ALOIS KISSNER